Von Neunzehn, die auszogen, Florenz zu erkunden

Ziemlich früh am Sonntagmorgen, als ganz Baden-Baden noch schlief, trafen sich eine verschlafene Schar kulturbegeisterter Klosterschüler und zwei Lehrer am Bahnhof in Oos, um zum Abenteuer Florenz aufzubrechen. Für die nächsten sechs Tage wollten wir, den Spuren Michelangelos und Leonardo da Vincis folgend, die Toskana erkunden.
Nach einer Busfahrt ohne größere Zwischenfälle ereichten wir am Nachmittag unser Ziel: Die Jugendherberge Villa Camerata, eine Villa aus dem 16. Jahrhundert, sollte für die nächsten fünf Nächte unser Zuhause sein. Nachdem die Zimmer bezogen waren, stand die erste Erkundung der Stadt auf dem Programm. Vor allem die hungrigen Mägen galt es zu füllen. Manche von uns blieben dabei – wie auch an den übrigen Abenden – gleich in der Osteria I’Giuggiolo, direkt vor den Toren unserer Jugendherberge, hängen.
Die nächsten zwei Tage waren für Ausflüge in der Umgebung von Florenz reserviert. Nach einem typisch spärlichen italienischen Frühstück machten wir uns am Montag auf den Weg nach Siena, einer der schönsten Städte der Toskana. Nach einer Fahrt durch die Weinreben der Toskana erreichten wir die historische Altstadt, die seit 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Neben dem Piazza del Campo mit dem Palazzo Pubblico und seinem weithin sichtbaren Turm beeindruckt vor allem der Dom aus schwarzem und weißen Marmor, der eines der bedeutendsten Bauwerke der italienischen Gotik darstellt. Sein Bau wurde im 13. Jahrhundert begonnen und zog sich bis in das 14. Jahrhundert hinein.
Auf dem Rückweg nach Florenz setzte uns unser Busfahrer, Herr Fessler, am Piazzale Michelangelo ab. Ein Bronzeabguss des weltberühmten Davids von Michelangelo steht im Zentrum dieses Platzes oberhalb des Arnos, von dem man eine der schönsten Aussichten über Florenz, den Arno und den Ponte Vecchio hat. Wir erhielten dort einen ersten Überblick über die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die uns in den nächsten Tagen erwarten sollten.
Der Dienstag stand ganz im Zeichen Leonardo da Vincis. Wir besuchten das Museo Leonardiano di Vinci in Vinci, einem malerischen Dörfchen unweit von Florenz. Hier im nahe gelegenen Dorf Anchiano wurde der Meister 1452 geboren. Das Museum beherbergt zahlreiche Zeichnungen, Modelle und Repliken von Leonardos Maschinen und Erfindungen. Für uns alle neu und für die badische Seele schwer zu verdauen war die Erkenntnis, dass Leonardo – und nicht Freiherr von Drais – schon im 15. Jahrhundert das Fahrrad erfunden haben soll. Allerdings wird die Echtheit der Zeichnung des Fahrrads von Leonardo bezweifelt – sie wird einem Mönch zugeschrieben, der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mithalf, den Codex Atlanticus, eine bedeutende Sammlung von Werken Leonardos, zu restaurieren.
Am Nachmittag stand noch die Basilica di Santa Maria Novella in Florenz auf dem Programm. Der Bau der Kirche begann Mitte des 13. Jahrhunderts und dauerte bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts. Besonders beeindruckend ist die Fassade aus dunkelgrünem und weißem Marmor. Der obere Teil der Fassade wurde im Jahr 1458 nach einem Plan von Leon Battista Alberti verwirklicht. Diesem gelang es, die schon bestehende gotische Verzierung des unteren Bereichs mit dem Stil der Renaissance des neuen Teils zu vereinbaren.
Der Mittwoch begann – abgesehen von dem schon erwähnten mageren Frühstück – mit einem Besuch der Galleria dell'Accademia, einer der bedeutendsten Kunstsammlungen in Florenz. Neben den Werken von bedeutenden florentinischen und toskanischen Malern des 14. und 15. Jahrhunderts konnten wir hier das Original des Davids von Michelangelo in seiner vollen Pracht bewundern. Ein weiterer Höhepunkt waren die vier unvollendeten Statuen der Prigioni (Gefangene), an denen wir die Arbeitsweise Michelangelos studieren konnten.
Danach erwartete uns Santa Maria del Fiore, der Dom von Florenz. Er ist weltbekannt für seine gewaltige Kuppel, die als technische Meisterleistung der frühen Renaissance gilt. Nach 463 anstrengenden Stufen, die uns entlang der Fresken in der Kuppel führten, erwartete uns ein atemberaubender Ausblick aus 106 Metern Höhe über Florenz.
Abgerundet wurde der Tag durch einen Besuch der Medici-Kapelle, dem berühmtesten und größten Teil der Basilica di San Lorenzo di Firenze. Der Medici-Papst Leo X. wollte mit diesem Mausoleum seiner Familie ein Denkmal setzen, als er 1520 den Bau beauftragte – und für das die Medici noch bezahlten, als das letzte Familienmitglied, Anna Maria Louisa de Medici, 1743 starb. In der neuen Sakristei findet man die Grabmäler der beiden Medici-Fürsten Lorenzo und Giuliano, die von Michelangelo gestaltet wurden.
Das wohl bekannteste Museum in Florenz, die Uffizien, sparten wir uns für den letzten Tag, den Donnerstag, auf. Trotz einer fast unzumutbar frühen Ankunft am Museum mussten wir eine Wartezeit von einer Stunde in Kauf nehmen, um die Gemäldesammlung zu besichtigen, die ihren Schwerpunkt auf Werke der italienischen Renaissance legt. Darüber hinaus umfasst die Sammlung Gemälde aus dem 13. bis 18. Jahrhundert und viele Werke flämischer, niederländischer, französischer und deutscher Künstler dieser Zeit.
Ein kurzer Besuch des Museo di Storia Naturale, des Naturhistorischen Museums (zwei der drei Stockwerke waren leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen) und ein Abstecher zum Palazzo Pitti, der die ehemalige Privatsammlung der Medici beherbergt, rundeten das kulturelle Programm unserer Studienfahrt ab.
Am Abend fanden wir uns alle in der oben erwähnten Osteria I’Giuggiolo ein, um bei einem gemeinsamen Abendessen die letzten fünf Tage Revue passieren zu lassen.
Am Freitag war dann der Tag des Abschieds gekommen. Die Koffer wurden gepackt und die Zimmer geräumt. Nach dem obligatorischen Gruppenfoto im Hof der Jugendherberge brachte uns Herr Fessler mit seiner sicheren und ruhigen Fahrweise mit nur einer ungeplanten, stau-bedingten Unterbrechung am Gotthard wieder in heimische Gefilde zurück. Ich glaube, jeder von uns war froh, die Nacht wieder in seinem eigenen Bett verbringen zu können – und alle freuten sich auf ein richtig gutes und reichhaltiges Frühstück zu Hause.
Trotz des vielfältigen kulturellen Programms kam auch der gesellige Teil der Studienfahrt nicht zu kurz. Es gab genügend Gelegenheiten, Florenz auf eigene Faust zu erkunden, oder auch einfach nur die Seele baumeln zu lassen.
Vielen Dank allen Teilnehmern für eine angenehme, meist unaufgeregte und wirklich schöne Studienfahrt. Ich würde jederzeit wieder mit dieser Gruppe verreisen.
Steffen Schaudel